• Kalt ist schön

    Minus drei, minus fünf, minus neun, minus elf, minus zwölf lauten die Temperaturaussichten bis Samstag. Seit einer Woche sprechen die Wetterfeen und -frösche von der sibirischen Kältewelle: Jetzt komme der Winter mit sibirischem Ausmass. Dabei geht es um lächerliche -12 °C. Im Vergleich dazu wird es in Sibirien nicht selten -50 °C kalt. Aber die Unwissenden tätigen gedankenlos panische Heizdeckenhamsterkäufe.

    Dabei ist endlich Winter. Daran zu erkennen, dass die Kappe wichtiger wird, als die Frisur. Überall sieht man Hände in den Taschen, hochgezogene Schultern und Nasen und doppelt gewickelte Halstücher. Endlich kommt das Halstuch wieder zu seinem ursprünglichen Einsatz. In den letzten Jahren ist es zunehmend vergewaltigt worden: Unabhängig von Jahreszeit und Temperatur getragen, wurde es entfremdet, zum Accessoir verdingt. Wenn es warm ist, gibt es keine Rechtfertigung, ein Halstuch zu tragen, auch nicht zu Sonnenbrille und Flip Flops!

    Zurück nach Sibirien, auch bekannt als die Schweiz, wo die klirrende Kälte uns in ihre eisige Klauen nimmt. Klirrende Kälte, heisst es übrigens wegen des trocken klirrenden Geräusches von brechendem Eis.
    Kalt ist schön. Beim Sprechen bildet sich Rauch, beim Einatmen kleben die Nasenflügel zusammen, der Schnee knirscht unter den Schuhen und wenn es schneit, wird die Welt ganz still.


  • Blutsaugen

    Ich bin etwas verängstigt, wenn ich auf die Entwicklung zurückblicke, die meine Person in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat. Ich glaube, ich werde zum Vampir.

    So verbringe ich immer mehr Zeit des Tages mit Schlafen, insbesondere an der Uni. Demgegenüber schlafe ich des Nachts immer seltener und weniger. Mir wachsen Augenringe und heute sagte mir jemand, ich sei bleich.

    Klingt bisher ziemlich harmlos, darum habe ich mir zuerst auch nicht viel dabei gedacht. Ich erinnerte mich jedoch daran, dass ich mir noch nie etwas gebrochen habe. Ich habe auch sehr starke und gesunde Zähne, hatte noch nie ein Loch. Wenn man genau hinschaut, scheint es als seien die Eckzähne etwas grösser als früher. Ausserdem muss ich mir immer Mal wieder die Fingernägel schneiden, weil die plötzlich immer so schnell wachsen.

    Vor zwei Jahren, so mag ich mich erinnern, trug ich noch oft bunte T-Shirts und Hemden. Heute mag ich schwarze Kleider am liebsten. Um meine Augen vor der Sonne zu schützen, trage ich auch immer öfter eine schwarze Sonnenbrille. Mit Religion habe ich wenig am Hut, dafür finde ich Hälse, speziell jene hübscher Frauen, extrem anziehend.

    Ich glaube, ich werde zum Vampir. Der Gedanke kam mir, als ich merkte, dass ich am Morgen am liebsten Blutorangensaft trinke. Blut. Saft. Nicht nur am Morgen, auch sonst ist Blutorangensaft zu meinem Lieblingsgetränk geworden, am besten mit Fruchtfleisch, frisch gepresst. Oder aus dem Denner. Man kann ihn pur trinken oder mit Wasser verdünnt oder mit Wodka oder mit Gin. Er ist nicht zu süss, sogar leicht bitter. Er schmeckt erfrischend und belebend. Nichts stillt meinen Durst besser als Blutorangensaft. Blut.


  • The Killing Jar

    In Jimmy’s Grill sitzen sieben Menschen:

    • Die Serviererin Noreen.
    • Billy, ein böser Junge aus dem Dorf.
    • Starr, seine platinblonde Freundin, die nicht mit ihm durchbrennen will.
    • Hilfssheriff Lonnie.
    • Hank, der schweigsame Trucker.
    • Der ausgebrannte Vertreter Smith und
    • Jimmy, der Inhaber und Koch.

    Es ist mitten in einer regnerischen Nacht in einem kleinen amerikanischen Diner mit stickiger Luft. Das Radio brachte gerade eine Meldung, dass in der Nähe eine ganze Familie mit zwei kleinen Kindern umgebracht worden sei, als der Fremde mit der Lederjacke das Diner betritt.

    Michael Madsen ist Doe, mit Lederjacke, Tatowierungen und finsterem Blick. Die Anwesenden verdächtigen Doe und als sie ihn unfreundlich und abschätzig behandeln, setzt er sich zur Wehr. Es beginnt ein sadistisches Schwarzer Peter-Spiel auf der Suche nach dem Killer.

    The Killing Jar ist aufgezogen wie ein klassischer Krimi: ein Raum und eine kleine Zahl Protagonisten, von denen einer ein Mörder ist. Leider ist der Film ein bisschen zu blutig, was schlecht zur Story passt. Der Film lebt einerseits von starken Schauspielern wie Madsen, Amber Benson und Dany Trejo. Überragend ist auch Harold Perrineau, bekannt als Mercutio in Romeo&Juliet und aus Matrix.

    Andererseits machen die Kulisse und die Stimmung The Killing Jar zu einem der besten und schönsten Filme. Ich war begeistert von der Bildgewaltigkeit, von der Farbgebung, von der Kameraführung und von den einzelnen Einstellungen, die wie dazwischen gestreute Stilleben wirken. Am besten gefiel mir aber das meisterhafte Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Zum Beispiel wenn man die Küche sieht und Doe hinter der Theke quer durch das Diner schlendert.


  • Top Five: Ballads / Love Songs

    Willkommen zur sensiblen Seite von Lupara. Manche Momente im Leben drücken auf die Stimmung, lassen einen Verzweifeln, bringen zum Weinen oder machen schlicht traurig. Ein Schicksalsschlag, ein Misserfolg oder unerwiderte Liebe werfen uns im Rennen um das Lebensglück zurück. Niemand hilft dir wieder auf die Füsse. Nach einem Schlag ins Gesicht und einer harten Landung, kriegt man eher noch Fusstritte ab. Da hilft nur die Flucht in die Musik. Eine Ladung Kerzen, ein Schaumbad, Schokolade und die richtigen Songs dazu helfen beim Lecken der Wunden.

    Gut möglich, dass manche Menschen tatsächlich an die heilende Wirkung von Kuschelrock-Alben glauben. Bei Nebenwirkungen übernehmen Arzt und Apotheker aber keine Verantwortung. Lupara auch nicht. Ich will hier lediglich eine Hand voll starke Songs vorstellen, die aus dem langsameren Segment stammen.

    Bob Dylan: If You See Her, Say Hello
    Je älter ich werde, desto mehr mag ich Bob Dylans Musik. Diesen Song habe ich zum ersten Mal in der ersten Staffel von Californication gehört. Wenig später habe ich ein Album von Bob Dylan gekauft auf dem der Song zufällig drauf ist. Eine wunderbare Geschichte über eine verlorene Liebe, aus der unverkennbaren Feder Bob Dylans.

    Chantal Kreviazuk: Leaving On A Jet Plane
    Auch diesen Song habe ich zuerst mit Bild kennen gelernt. Armageddon war nicht nur mein erster Film im Open Air-Kino und der erste Film, der mich zu Tränen rührte (Bruce Willis stirbt!), er hat dazu noch einen tollen Soundtrack. Leaving On A Jet Plane ist ursprünglich fast langweilig (von Peter, Paul und Mary, einer amerikanischen Version von Peter, Sue und Marc), die Version von Chantal ist um Längen bessert.

    Mando Diao: Ochrasy
    Ein Lied über eine Zwischenwelt, am Ende der Nacht. Nach einem  Konzert oder nach einer Party, in den Dead Ends und Rattenlöchern der Städte dieser Welt, mit Nachtschwärmern und anderen fremden, eigenartigen und einzigartigen Gestalten. Ein Meisterstück, leider das bisher letzte von Mando Diao, zu finden auf Ode to Ochrasy.

    Tom Waits / Scarlett Johansson: Fannin Street
    Dieser Song beschreibt die Reise auf die dunkle Seite. Ein junger Mensch kommt wider aller Warnungen vom Weg ab und driftet ins Zwielicht in Form der Fannin Street in Houston. Fannin Street stammt ursprünglich vom Bluesmusiker Leadbelly, wurde von Tom Waits bekannt gemacht und von der überraschenden Stimme Scarlett Johansson’s (feat. David Bowie!) perfektioniert. Meine Lieblingszeile: “Give a man Gin / Give a man cards / Give him an inch / He takes a yard”

    Travis: Before You Were Young
    Als ich heute Morgen Before You Were Young hörte, liefen mir Tränen in die Augen. Er ist nicht nur mein Lieblingssong, sondern auch der, den ich innerhalb des letzten Jahres am meisten gehört habe. Dabei fand ich die Musik von Travis vor zwei Jahren noch ziemlich langweilig. Seit Ode to J Smith hat sich das geändert. Die Musik und die einzigartige, rückwärts erzählte Geschichte stützen bildlich geniale, ergreifenden Zeilen wie: “I’ll take the breath away from your sighs / And wipe the tears away from your eyes / And hope the fire never dies”.


  • Frühstück nach Mass


    Der Wecker klingelt früh. Ich haue nochmal auf die Schlummertaste und drehe mich um – stehe dann allerdings trotzdem auf. Wenn ich schon Mal Zeit habe, um ein schönes Frühstück zu machen, sollte ich die Gelegenheit packen.
    Im Handumdrehen brutzelt der Speck in der Pfanne. In einer anderen schmilzt der Käse und im Backofen röstet eine Scheibe Brot vor sich hin. Käseschnitte und Speck, dazu ein Glas Orangensaft. Herz, was begehrst du mehr?

    Den Abwasch lasse ich stehen. Ich gehe zurück ins Schlafzimmer, lege mich wieder ins Bett, den Teller dicht daneben auf den Fussboden. Das Saftglas ebenfalls.

    Wieder klingelt der Wecker. Diesmal schalte ich ihn ganz aus. Neben dem Bett greift meine Hand ins Leere. Kein Saft, kein Speck. Kein Frühstück. Schockiert gehe ich in die Küche. Hier ist alles fein säuberlich aufgeräumt. Die Luft ist frei von jedem Käsegeruch. Es ist leider wahr und ich habe mein Frühstück nur geträumt. Und für Speck und Käse reicht die Zeit jetzt nicht mehr. Einmal mehr muss ein Joghurt genügen.


  • Warten auf das Gute


    Geduld ist eine Tugend. Manches wird mit den Jahren besser: Wein, Rum, Käse, Briefmarken. Warum muss man auf gute Musik warten? Wird auch sie mit den Jahren besser? Nein, sagt uns Chinese Democracy, der das Reifen keinesfalls gut getan hat.

    Seit über einem Jahr haben Yokko nichts von sich hören lassen. Bis kurz vor dem Ende des alten Jahres ein Stück auftauchte. Anfangs wurde vermutet, die Bremer Stadtmusikanten wären kool geworden und hätten eine neue Karriere gestartet. International anerkannte Zoologen, Komponisten und Mystiker ordneten den Song doch bald Yokko zu.

    Die ersten paar Takte haben mich spontan an das Intro von Miami Vice erinnert. Dann entlädt sich eine kräftige, dunkle Symphonie, mit blitzenden Synthies und energischen Riffs. Chase ist ein heller Stern, welcher der Yokko-EP vorauseilt. Ein musikalisches amuse-bouche, zum freien Download.

    Geduld ist eine Tugend. Weder die Zoologen noch ich konnten beantworten, ob Yokkos Musik durch das das Warten und Reifen im vergangenen Jahr besser wurde. Aber die Zeit hat ihr ganz bestimmt nicht geschadet.

     


  • Happy Fucking New Year

    Es ist 15:30 Uhr, in der Küche brutzelt das Frühstück, neben der Tastatur liegt der Zylinder von letzter Nacht und die Augen sind erst schlecht abgeschminkt. Kann man den Tag besser beginnen?
    Ich habe vor acht Jahren aus Langeweile begonnen zu schreiben. Im letzten Jahr habe ich kaum eine Zeile geschrieben. Es war als hätte ein Stück von mir nicht existiert. Es ist Neujahr. Der Zeitpunkt, dies zu ändern ist gekommen.

    Ich bin ein schlechter Mensch, ohne Disziplin. Ich erwarte viel von mir, nehme mir vor Unmengen von Sätzen an eineinander zu reihen, geistreich, scharf, präzise, bissig, spannend, interessant. Gleichzeitig weiss ich, dass ich meine Erwartungen niemals erfüllen werde. Zu faul, süchtig nach Sport und zu viel Unsinn im Kopf, um Zeit zum Schreiben zu finden. Immerhin bin ich schon bei 130 Worten angelangt. Ein Anfang.


  • Schweizer Superhelden

    Wilhelm Tell
    Werner Stauffacher
    Rudolf von Erlach
    Arnold von Winkelried
    Adrian von Bubenberg
    Jean-Jacques Rousseau
    Alfred Escher
    Guillaume Henri Dufour
    Henri Dunant
    Pirmin Zurbriggen
    Werner Günthör
    Tony Rominger
    Georges Bregy
    Stéphane Chapuisat
    Didier Cuche
    Roger Federer


  • Entscheidungen

    Kopf oder Zahl?

    Aufstehen oder Liegen bleiben?

    Bart oder Rasieren?

    Weisse oder schwarze Unterwäsche?

    Kurze oder lange Hose?

    Nackt oder Pelz?

    Kaffee oder Tee?

    Gonfi oder Honig?

    Milch oder Saft?

    Buch oder Zeitung?

    Schiller oder Goethe?

    Gebunden oder Taschenbuch?

    Apfel oder Banane?

    Migros oder Coop?

    Rock oder Blues?

    Rock oder Bluse?

    Menü oder Salat?

    Draussen oder Drinnen?

    Wein oder Bier?

    Büro oder Bankraub?

    Räuber oder Poli(zist)?

    De Niro oder Pacino?

    Jass oder Poker?

    Katz und Maus oder Blinde Kuh?

    Hund oder Katz?

    Sommer oder Winter?

    Strand oder Berge?

    Mojito oder Caipirinha?

    Fotokamera oder Tagebuch?

    Schwarzweiss oder Farbfoto?

    Skizzen oder Notizen?

    Tätowieren oder Piercen?

    Kunst oder Abfall?

    Kreativ oder kopiert?

    Künstler oder Arbeiter?

    Talent oder Kondition?

    Erfolg oder Befriedigung?

    Drang oder Wille?


  • Beady Eye ist nicht Oasis

    ‘Different Gear, Still Speeding’ heisst Beady Eyes Erstling. Die Songs darauf lehnen sich an Oasis an, versuchen nicht zu kopieren, bringen aber auch nichts Neues. Der Neuanfang gestaltet sich schwierig, so neigt man zu verzeihen und hofft auf die alte Kraft auf der Bühne.

    Dort aber zeigt sich das Gegenteil des Albumtitels: Der Gear ist derselbe: Liam Gallagher hat zwar die alte Besetzung inklusive Schlagzeuger in die neue Band geholt. Aber nix mit Speeding: Die alte Garde bringt den neuen Sound nicht auf die Bühne. Archer und Bell stehen unsicher klimpernd im Regen, können ihre neuen Rollen noch nicht ausfüllen. Und der Bassist Jeff Wooton, der Neue, der aussieht wie ein Klon von Andy Bell, vermag mit seinen Baselines nicht mitzureissen. Der Klangteppich ist löchrig, zu wenig dicht gewoben. Es scheint als wären die Songs in die Länge gezogen, vielleicht sogar langsamer gespielt, um die vorgegebene Konzertlänge zu erreichen.

    Der Sänger, früher so sicher wie arrogant, ist Mal zu leise, Mal zu laut. Wie als wüsste er nicht mehr, wann er das Maul wie weit aufreissen darf, wenn ihm der grosse Bruder nicht den Rücken deckt. Ohne Noel ist Liam nur ein Poser am Mikrophon. Nicht einmal mehr das. Er hat viel von dem eingebüsst, was ihn früher ausmachte. Zuviel. Heute schenkt er dem Publikum seinen Hut, kündigt Songs an. Schliesslich das Schlimmste: Er bedankt sich!! Es fehlt einzig, dass er entgegen früheren Gewohnheiten Wonderwall live spielt, anstatt ab Konserve.

    Bleibt die Hoffnung auf Noel oder der Glaube an eine Wiedervereinigung.



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