Es soll Menschen geben die Weihnachtskarten verschicken.
Unter jenen gebe es solche, die die Karten kaufen, solche die sie gar selber basteln, manche schreiben von Hand, andere mit Maschine oder Computer.
In unserem Land ist die Post äusserst zuverlässig, so kommt es, dass Weihnachtskarten neben Verfasserinnen auch Empfängerinnen kennen. Und so soll es gar einige geben die sich paarweise gegenseitig mit einem Weihnachtsgruss in Kartenform bedenken. Hier treffen wir auf jene engen Freundschaften, die den Status der Unzerbrechlichkeit erreicht haben. Im Olymp der Beziehungen sind jene Freundschaften Zeus, wo man sich zu Weihnachten gegenseitig mit Karten grüsst. Und wenn Zeus grad guter Laune ist, dann werden die Weihnachtskarten auch noch gleich schriftlich bedankt.
Solche Freundschaften sind äusserst starke Bande. Sie wurden seit Jahrtausenden entwickelt, endlich und langersehnt durch den Wandelungsprozess unserer Gesellschaften hervorgebracht .
Doch, oh Graus, man stelle sich vor, was geschehe, wenn nun eine Verfasserin eine Karte, zwar selbst gebastelt und mit Liebe von Hand gestaltet, mit dem Computer schriebe, die Empfängerin die Ihre, zwar gekaufte, jedoch von Hand verfasste. Die Empfängerin greift zum mobilen Telefone und schreibt enttäuscht einige Zeilen an Ihre Freundin, ihre Partnerin in der eben noch olympisch gewähnten, unzerbrechlichen Freundschaft. Sie stellt digital die Frage, ob sie keiner Handschrift mehr würdig sei. Wie nun reagiert die Verfasserin? Nun, selbstverliebt hinblickend auf ihre handwerkliche Hingabe, stillschweigend, trotzig, sich im Recht wähnend.
Ein Jahr später wiederholt sich die Tragödie: Die Verfasserin wieder von Hand gestaltet, nicht jedoch von Hand geschrieben. Die Empfängerin, ihrerseits wieder mit handgeschriebenen, käuflich erworbenen Karten, wiederholt ihre digitale Botschaft per Mobilfunk. Trotz reicht der Handwerkerin diesmal nicht aus, das tragische Moment ist erreicht, sie kündigt innerlich die Freunschaft auf.
Zur Katastrophe kommt es erst im Sommer darauf, als sich die beiden auf einer Brücke begegnen: Die Handwerkerin kann endlich ihre angestaute Enttäuschung entladen und schildert, wie sie sich vor den Kopf gestossen fühlte. Die Mobilfunkerin steht, scheinbar gelassen, vor dem Scherbenhaufen des einst Unzerbrechlichen und spricht sinngemäss: “Ich dachte mir schon, dass es so kommen würde, als ich deine Karte erhielt.”
So geschehen, so erzählt und so erlauscht eine Woche nach Ostern.
Es soll Menschen geben, die Weihnachtskarten schreiben. Es soll Freundschaften geben, die daran zerbrechen. Es soll Menschen geben, die anderen noch Jahre danach davon erzählen. Es soll sogar Menschen geben, die darüber schreiben.