Der Fluch der Pendlerzeitungen

Pendlerzeitungen sind Zeitungen, die an Bahnhöfen gratis aufliegen, meist in blauen oder violetten Zeitungskästen. Sie heissen Pendlerzeitungen, weil sie zumeist von Pendlern, also Leuten die mit dem Zug zur Arbeit fahren, gelesen werden.

Morgens führen die Zeitungen zuweilen seltsame gesellschaftliche Phänomen hervor. Vor den Zeitungskästen entstehen Staus, weil jeder für den Arbeitsweg noch etwas zum Lesen will. Entsprechend amüsant ist das Bild eines Perrons morgens um halb sieben: Hunderte von Pendlern und Övis warten auf den Zug, die aufgeschlagene Zeitung vor der Nase.

Das Volk informiert sich. Aber leider suboptimal: Die “Neuigkeiten” sind nicht selten von Gestern, Berichte scheinen von Pressemitteilungen abgetippt zu sein,   voller Rechtschreibe- und Stilfehler,  sind schlecht recherchiert und mit inhaltlichen Fehlern und wenig Tiefgang.

Warum werden Sie dann gelesen? Nicht nur gelesen, sondern verschlungen. Morgens reisst man sich die Zeitungen regelrecht aus den Händen. Wer nach 10 Uhr zum Zeitungskasten kommt, findet kein einziges Exemplar mehr.  Jeder will sie. Ich auch. Morgen für morgen wandere ich zum Kasten, stelle mich sogar an, um ein Exemplar zu kriegen. Abends das gleiche Bild (Es gibt auch eine Pendlerzeitung, die Abends erscheint). Wie oft habe ich den Zug wohl schon beinahe verpasst, weil ich noch unbedingt ein Gratisblatt wollte?

Zugegeben, man weiss ein bisschen, was passiert draussen in der Welt. Um aber beurteilen zu können, was genau und ob es wirklich stimmt, muss man sich dann doch eine “richtige Zeitung” kaufen. Zugegeben, ich habe aufgrund einiger Artikel in diesen Blättern schon in diesem Blog geschrieben. Zugegeben, ich habe schon Bücher und Musik-CDs anhand der dort veröffentlichten Kritiken gekauft. Da waren gute Sachen dabei, aber auch viel mittelmässiges.

Schon öfters habe ich mir vorgenommen, die Gratiszeitungen zu boykottieren. Einfach einen grossen Bogen um die Zeitungskästen machen. Mehr Musik hören, andere Menschen belauschen, ein Buch lesen und vorallem mehr Schreiben. Alles ist besser nur nicht mehr diese Billigblätter lesen. Am nächsten morgen spazierte ich jeweils gewohnheitsmässig zum Kasten und streckte die Hand aus… oh, ich wollte doch eigentlich gar nicht mehr… ach was, morgen ist noch früh genug! Man kann sich ihnen wohl nicht verweigern. Wir sind den Gratiszeitungen willenlos ausgeliefert! Zeitungszombies! Bis in alle Ewigkeit verfluchte Pendler! Der Fluch der Pendlerzeitungen!

Mein Kampf gegen den Fluch war bisher aussichtslos. Manchmal schaffte ich einen Teilerfolg, wurde dann aber wieder rückfällig. Überall lauern sie einem auf: In jedem Tram und Bus, in jedem erdenkliche Övi werden sie liegen gelassen, bis ein verfluchter Pendler sie aufhebt und beginnt darin zu lesen. Allerlei Kräuter und Tränke habe ich ausprobiert, ging auf eine früheren oder einen späteren Zug. Nichts hat geholfen. Nicht einmal auf dem Arbeitsweg  in Zug und Tram zu schlafen: Auf dem Heimweg lagen sie wieder überall, die Pendlerzeitungen und fielen über mich her.

Bis heute Morgen. Ich bin seit heute Morgen clean. Ich habe eine neue Waffe. Eine, gegen die der Fluch nicht ankommt. Ein spannendes Buch! Ich las den gesamten Arbeitsweg durch und werde auf dem Heimweg das gleiche machen. Ich weiss genau, der Fluch ist stark! Aber ich kann es schaffen!

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4 Responses to “Der Fluch der Pendlerzeitungen”

  1. Ella says:

    Nun wollen wir’s aber auch ganz genau wissen, was den Herrn da so fesselt: Krimi oder Biografie? Klassiker oder Underground? Bestseller oder Ladenhüter?

    Und wieso scheinen eigentlich die Schweizer während ihrer Arbeitszeit immer Zeit zum Bloggen und Kommentieren zu haben?

  2. lorretti says:

    denn mal ganz viel durchhaltevermögen und ein bisschen glück.

    ich bin zum glück nie von diesem virus befallen worden und mache es seit jahren so, wie du jetzt. denn den mist, den die zeitungen manchmal schreiben, kann man nicht mehr lesen.

    und halbwahrheiten und sonstige sinnlose informationen bekommt man ja auch so den ganzen tag um die ohren geworfen.

  3. Pendlerzeitungsabhängiger says:

    lupara hat völlig recht. Am morgen steht das drin wo am abend die Tageschau oder das 10vor10 sendet und am Abend steht das drin was man am morgen schon in der Pendlerzeitung gelesen hat bzw. über den Tag im Internet, ja für so was bleibt beim arbeiten auch Zeit, gelesen hat. So habe ich schon viele ziemlich unwichtige Informationen (irgend ein schweizer Fussballspieler hat den Club gewechselt) 2-3 gelesen habe…

    Aber eben, hab mich jetzt zum Recycling-Pendlerzeitungsleser gewandelt, so habe zumindest ein kleineres Umweltbedenken …
    Oder in den letzten zwei Wochen hat mich auch ein Buch über uns (Schweizer) so gefesselt das ich es ohne Pendlerzeitungen überlebt habe :-) na dies war heute Morgen aber schon fertig und so werde ich wohl heute wieder die Pendlerzeitung lesen… oder doch lieber schlafen.. na was auch immer :-)

  4. Ella says:

    Monsieur Pendlerzeitungsabhängiger, der Trend geht zum Zweitbuch.

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