Nikolaus und die Bösen Kinder

Jedes Jahr am Abend des 6. Dezember besucht ein Hausierer jede kindergesegnete Familie. Mit schweren Stiefeln, einem roten Bademantel und ungepflegter Gesichtsbehaarung geht er um, lockt Kinder mit Nüssen, Früchten und Süssigkeiten und steckt einige der Kinder in einen Sack. Kindesentführung in einer gesellschaftlich tolerierten Form. Denn: Der furchteinflössende Entführer mit dem dicken Bauch hat jeden Ungehorsam und jede Bösartigkeit der Kinder in einem dicken Buch registriert. Er nimmt nur die bösen Kinder mit sich. Somit ein Wohltäter für die gebeutelten Eltern.

Allerdings tauchen die bösen Kinder wieder auf. Meist an der Spitze politischer Parteien, weltmächtiger Industrienationen oder monopolsüchtiger Wirtschaftsgiganten. Diesem Umstand ist Lupara auf den Grund gegangen und hat eine weltweite Verschwörung aufgedeckt.

(Gerüchte besagen, dass die Untersuchungen mit ein Grund für die einmonatige Stille um Lupara waren: Der Umfang der Untersuchung bündelte alle Kräfte und die aufgedeckte Geheimorganisation ist so gefährlich, dass Lupara untertauchen musste.)

Jener Bärtige, der sich selber Samichlaus oder St. Nikolaus nennt, ist, man glaubt es kaum, ein Top-Terrorist. Die eingesackten bösen Kinder werden am Nordpol in einem Trainingscamp ausgebildet. Dieses Camp ist hervorragend getarnt: Durch Radar und Spürhunde nicht zu orten und für Satelliten fast unauffindbar. (Die bisher einzigen Satellitenbilder sind spurlos verschwunden. Der Satellit gehörte der amerikanischen Regierung.) Zwar gelang es einigen verdeckt ermittelnden Geheimagenten bis ins Camp vorzudringen, Ihnen wurde jedoch in überzeugenster Weise eine Spielzeugmanufaktur vorgegaukelt. Die Berichte schildern unisono von kleinen zipfelmützigen Handwerkern, die pädagogisch wertvolle Holzspielzeuge herstellen. (Hier hätten die Geheimdienste doch stutzig werden müssen: Welches Kind spielt heute noch mit Holzspielzeugen?)

In Wahrheit ist das nur Fassade. Die Bösen Kinder werden ausgebildet in Wahlmanipulation, Ausbeutung von Umwelt und Menschheit, Wirtschaftsbetrug und Verbreitung von populistischem und Gedankengut. Man spricht von schleichendem oder scheinlegalem Terrorismus.

Es wird davon ausgegangen, dass der Terroristenführer Nikolaus, was wohl nur ein Deckname ist, verwandt ist mit jenem Terroristen, der sein jenem Tag im September 2001 in aller Munde ist. Die Ähnlichkeit ist unübersehbar, abgesehen von der Farbe des Bartes.
Der Vorteil der Organisation Böse Kinder liegt darin, dass die betriebene Form des Terrorismus bestehendes Recht und Strukturen ausnutzt und so Ihre Attentäter in immer machtvollere Positionen hievt. Die Attentate verlaufen indes genauso: Steuererhöhungen, Sozialabbau, Deregulierung der Wirtschaft.

Ausserdem sind Nikolaus und die Bösen Kinder im Stande sich anzupassen, so hat das Oberhaupt der Terrorganisation seinen ursprünglich weissen Bademantel einst gegen einen roten eingetauscht, weil rot der Farbe eines beherrschten Getränkegiganten entspricht, welcher im Auftrag der Bösen Kinder die Zuckerabhängigkeit und Fettleibigkeit der Menschheit fördert.

Der Welt bleibt nur auf die Erlösung durch die Guten Kinder zu warten. Der Tag wird kommen, an dem eines von Ihnen aufsteht, über Nüsse und Mandarinen hinwegsieht und dem Nikolaus an den Bart geht. Advent, Advent, der Nikolaus brennt.

Zum Sport: Heute Abend ein schwieriges und entscheidendes Spiel. Noch immer kein Schnee.

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One Response to “Nikolaus und die Bösen Kinder”

  1. Ella says:

    Hab ich’s doch geahnt!

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